Jyoti Guptara – Warum Narrative Leadership die Zukunft der Führung ist

09. September 2026 – Premium Speakers

Gastbeitrag von Jyoti Guptara:

Je mehr Künstliche Intelligenz Daten, Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten vervielfacht, desto wichtiger wird eine Fähigkeit, die zutiefst menschlich ist: Bedeutung zu schaffen. Narrative Leadership kann Führungskräften helfen, Menschen zu verbinden, Orientierung zu geben und Strategien in gemeinsames Handeln zu übersetzen.

Peter Drucker bezeichnete Management einst als „soziale Technologie“. Doch wie jede Technologie braucht auch Management die richtige Software. Und wenn diese Software nicht mehr zu den Anforderungen der Zeit passt, entstehen Probleme.

Unternehmen stehen heute vor wachsender Komplexität, globalen Krisen, technologischen Umbrüchen und neuen Formen der Zusammenarbeit. Gleichzeitig gibt es eine Vielzahl neuer Managementansätze, die häufig isoliert nebeneinanderstehen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie sieht Führung aus, die zu dieser neuen Realität passt?

Aus meiner Sicht wird die nächste Entwicklungsstufe des Managements vor allem eines sein: narrativ.

Wenn Strategien nicht mehr verbinden

Die meisten Organisationen verfügen über Strategien, Visionen und Werte. Auf dem Papier klingen sie oft überzeugend. Und dennoch fühlen sich viele Mitarbeitende nicht wirklich mit ihnen verbunden. Wir haben Prozesse optimiert, Daten verfügbar gemacht und die interne Kommunikation massiv ausgeweitet. Trotzdem nimmt das Engagement nicht automatisch zu. Ein Grund dafür ist das, was ich „Abstraction Bias“ nenne: Strategische Kommunikation bleibt häufig zu abstrakt. Sie klingt richtig, gibt Menschen aber keine konkrete Antwort darauf, was sie für ihren eigenen Arbeitsalltag bedeutet.

Dann wird Kommunikation vom Erfolgsfaktor zum Hindernis.

In meinem Buch Business Storytelling from Hype to Hack beschreibe ich Geschichten deshalb als eine Art menschliche Software. Sie übersetzen Informationen in Bedeutung, Verbindung und gemeinsames Handeln.

Eine gute Geschichte sorgt dafür, dass eine Botschaft „clickt“ – also unmittelbar Sinn ergibt – und „stickt“: Sie bleibt im Gedächtnis, wird weitererzählt und beeinflusst Verhalten.

Von Business Storytelling zu Narrative Leadership

Ein Leader ist nur dann ein Leader, wenn ihm Menschen folgen.

Doch was genau folgen Menschen?

Anweisungen?

Traditionelles Management war stark auf Kontrolle ausgerichtet: planen, messen, korrigieren. Dieses Modell funktionierte vergleichsweise gut in stabilen und linearen Arbeitswelten.

Heute bestehen Organisationen jedoch aus komplexen Netzwerken von Menschen, Technologien und zunehmend auch Algorithmen. Niemand hat mehr jederzeit das vollständige Bild.

Was Mitarbeitende deshalb nicht unbedingt brauchen, sind noch mehr Informationen.

Sie brauchen Kontext.

Sie wollen verstehen, wie ihre eigene Arbeit mit dem grösseren Ganzen zusammenhängt. Und idealerweise sollen sie nicht nur verstehen, was geschieht, sondern auch Lust darauf bekommen, daran mitzuwirken.

Genau hier geht Narrative Leadership über klassisches Business Storytelling hinaus.

Storytelling wird häufig auf Präsentationstechniken reduziert. Narrative Leadership ist jedoch weder Rhetorik noch PR. Die Aufgabe einer Führungskraft besteht nicht darin, die Erzählung zu kontrollieren.

Sie besteht darin, Menschen dabei zu helfen, ihren eigenen Platz innerhalb einer gemeinsamen Geschichte zu finden.

Narrative Leadership: Kohärenz statt Kontrolle

Narrative Leadership ersetzt Kontrolle nicht vollständig – aber es ergänzt sie um etwas Entscheidendes: Kohärenz.

Geschichten können Vertrauen aufbauen, ein gemeinsames Verständnis schaffen und Verhalten sichtbar machen.

Oft heisst es: Menschen widersetzen sich Veränderungen.

Doch häufig widersetzen sie sich nicht der Veränderung an sich. Sie zögern vielmehr, eine bisherige Geschichte aufzugeben, solange ihnen niemand eine überzeugendere neue Geschichte anbietet.

Die Aufgabe von Führung besteht deshalb nicht darin, gegen die alte Geschichte zu argumentieren.

Sie muss eine bessere Geschichte anbieten.

Strategie beschreibt explizit, welches Verhalten gewünscht ist. Kultur beeinflusst Verhalten implizit. Geschichten wiederum zeigen Verhalten konkret.

Wer Kultur verändern möchte, sollte deshalb auch die Geschichten verändern, die innerhalb einer Organisation erzählt werden.

Warum Geschichten für Führung so wirkungsvoll sind

Im Informationsüberfluss helfen Geschichten dabei, Zusammenhänge herzustellen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Sie verbinden Logik mit Vorstellungskraft. Sie sind verständlich, erinnerbar und wiederholbar.

Vor allem aber machen sie abstrakte Begriffe sichtbar.

Nehmen wir ein Wort wie Innovation. Oder die Formulierung, durch KI menschliche Fähigkeiten zu erweitern.

Beides klingt überzeugend. Doch wie sieht das konkret aus?

Eine kurze Situation aus dem Arbeitsalltag kann dies oft viel schneller verdeutlichen als eine abstrakte Definition.

Gute Business Stories müssen dabei keine inszenierten Bühnenauftritte sein. Im Gegenteil: Sie sollten real, kurz, einfach und conversational sein.

Eine wirkungsvolle Geschichte besteht häufig lediglich aus einer Situation, einer Entwicklung oder Auflösung und einer Erkenntnis.

Im Idealfall muss die Führungskraft diese Erkenntnis nicht einmal ausdrücklich erklären. Der Zuhörer zieht sie selbst.

Und genau dadurch gehört ihm die Erkenntnis.

Drei Werkzeuge des Narrative Leadership

Führungskräfte, die Storytelling strategisch nutzen möchten, sollten sich mit der Zeit eine eigene Story Bank aufbauen: eine Sammlung konkreter Geschichten für unterschiedliche Führungssituationen.

Drei Story-Typen sind dabei besonders wirkungsvoll.

1. Mit einer Bridge Story Vertrauen schaffen

Noch vor der Botschaft kommt der Botschafter.

Menschen fragen sich – meist unbewusst:

Warum sollte ich gerade dieser Person zuhören?

Eine Bridge Story schafft eine Verbindung zwischen der Führungskraft, ihrer persönlichen Erfahrung und dem Thema, über das sie spricht.

Ein Beispiel ist der frühere Präsident von UBS Wealth Management, Jürg Zeltner. Er erzählte vermögenden Kunden von seiner Kindheit auf dem Land. Dort entstand echtes Vertrauen erst dann, wenn man am Küchentisch Platz nehmen durfte – denn dort wurden die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen.

Mit dieser kurzen Geschichte konnte er erklären, warum Vertrauen und verantwortungsvolles Wealth Management für ihn persönlich eine so grosse Rolle spielten.

Eine Bridge Story macht eine Führungskraft glaubwürdig, bevor sie überzeugen muss.

2. Mit einer X Story Orientierung im Wandel schaffen

Die X Story verbindet Kontinuität und Veränderung.

Sie hilft Teams dabei, ein Kapitel abzuschliessen und ein neues zu beginnen.

Dafür nutzt sie die 4 Ps of Progression:

Past: Wie waren die Dinge bisher?

Pivot: Was hat sich verändert?

Present: Was ist deshalb jetzt entscheidend?

Potential: Welche Chancen entstehen – und was steht auf dem Spiel?

Das X steht dabei für das Unbekannte. Gleichzeitig markiert es – bildlich gesprochen – den Punkt, an dem Orientierung entsteht.

Wer Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet, schafft einen nachvollziehbaren Sinnzusammenhang.

Wenn Mitarbeitende das grosse Ganze verstehen, können sie eher selbst gute Entscheidungen treffen, ohne auf permanente Anweisungen zu warten.

3. Mit einer Success Story Verhalten sichtbar machen

Unternehmen sprechen viel über Werte, Kultur und gewünschte Verhaltensweisen.

Doch Begriffe wie Verantwortung, Kundenorientierung oder Zusammenarbeit bleiben abstrakt, solange Menschen nicht sehen, wie dieses Verhalten konkret aussieht.

Hier setzt die Success Story an.

Sie erzählt eine reale Situation, in der jemand genau das Verhalten gezeigt hat, das eine Organisation fördern möchte.

Der langjährige CEO der Tractor Supply Company, Joe Scarlett, nutzte solche Geschichten konsequent, während das Unternehmen von rund 100 auf mehr als 1.000 Filialen wuchs.

Success Stories sind gleichzeitig Anerkennung und Demonstration.

Sie zeigen: So sieht gutes Verhalten bei uns aus.

Indem Mitarbeitende die Geschichte hören, stellen sie sich automatisch vor, selbst ähnlich zu handeln. Sie proben Erfolg gedanklich bereits vor.

Werte werden nicht durch Poster gelernt.

Sie werden durch Beispiele lebendig.

Zahlen erklären das Was – Geschichten das Warum und Wie

Angesichts der Bedeutung von Geschichten sollte Narrative Leadership nicht lediglich als Kommunikationskompetenz betrachtet werden.

Es ist eine Managementdisziplin.

Narrative Leadership hilft Führungskräften dabei, komplexe Organisationen zu koordinieren, Orientierung zu schaffen, Verhalten zu beeinflussen und bei Veränderungen nachzusteuern.

Zahlen erklären, was passiert.

Geschichten können zeigen, warum es wichtig ist und wie Menschen darauf reagieren können.

Zukunftsfähige Führungskräfte brauchen deshalb beide Sprachen: die Sprache der Zahlen und die Sprache der Narrative.

Narrative Leadership im Zeitalter der KI

Künstliche Intelligenz übernimmt immer mehr analytische Aufgaben.

Gleichzeitig produziert sie eine enorme Menge zusätzlicher Informationen und beschleunigt Kommunikation. Zudem verändert KI klassische Führungs- und Managementstrukturen.

Gerade deshalb gewinnt die menschliche Aufgabe von Führung an Bedeutung.

Führungskräfte müssen Orientierung schaffen.

Sie müssen Zusammenhänge erklären.

Und sie müssen Menschen vermitteln, warum eine gemeinsame Richtung wichtig ist.

Narrative Leadership bedeutet, gemeinsamen Purpose und gemeinsame Orientierung durch Geschichten zu schaffen.

Storytelling ist damit weit mehr als eine Soft Skill.

Es wird zu einer strategischen Infrastruktur für Engagement, Kultur und Umsetzung.

Je stärker Technologie Informationen produziert, desto wichtiger wird die Fähigkeit, aus diesen Informationen Bedeutung zu machen.

Und genau darin liegt eine der wichtigsten Führungsaufgaben der Zukunft.

Jyoti Guptara ist Autor, Experte für Business Storytelling und Begründer des Konzepts Narrative Leadership. In seinem Buch Business Storytelling from Hype to Hack zeigt er, wie Führungskräfte Geschichten gezielt einsetzen können, um Menschen zu verbinden, Veränderungen voranzutreiben und Strategien in konkretes Verhalten zu übersetzen.

Er entwickelte The S.T.O.R.Y. Method™ und unterstützt Organisationen weltweit bei erfolgskritischen Veränderungsprozessen. Zudem ist er regelmässiger Contributor beim Global Peter Drucker Forum und Managing Director Europe bei der momenta Group.

Jyoti Guptara

Experte für Business Storytelling, Kreativität & Führung