Nick Jankel: Wenn Intelligenz überall verfügbar wird – wofür brauchen wir noch menschliche Führung?
Gastbeitrag von Futurist Nick Jankel:
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur, wie wir arbeiten. Sie verändert auch, was wir unter Wissen, Expertise und guter Führung verstehen. Analyse, Recherche, Mustererkennung, Prognosen, Programmierung und die Entwicklung komplexer Lösungsansätze lassen sich zunehmend durch KI unterstützen oder automatisieren.
Damit wird etwas, das über Jahrhunderte knapp und wertvoll war, plötzlich in enormem Umfang verfügbar: analytische Intelligenz.
Mich beschäftigt deshalb eine zentrale Frage: Wenn KI immer mehr denken, analysieren und optimieren kann – worin liegt dann künftig der besondere Wert menschlicher Führung?
Ich glaube, die Antwort liegt nicht darin, intelligenter als die Maschine sein zu wollen. Vielmehr verschiebt sich der Schwerpunkt von Führung hin zu Fähigkeiten, die sich nicht allein aus Daten, Rechenleistung oder Wahrscheinlichkeiten ableiten lassen.
KI liefert Antworten. Führung entscheidet, welche davon relevant sind.
Moderne KI-Systeme können enorme Informationsmengen analysieren, Szenarien entwickeln und unterschiedliche Handlungsoptionen gegeneinander abwägen. Doch selbst die beste Analyse beantwortet nicht automatisch die entscheidende Führungsfrage:
Was sollten wir tun?
Denn eine Entscheidung entsteht nicht ausschließlich aus Fakten. Sie hängt von Unternehmenszielen, Werten, Menschen, Risiken, Kultur, Verantwortung und dem jeweiligen Kontext ab.
Genau deshalb gewinnt für mich kontextuelles Urteilsvermögen immer stärker an Bedeutung. Führungskräfte müssen nicht nur verstehen, was technologisch möglich ist. Sie müssen beurteilen können, welche Möglichkeit für ihre Organisation tatsächlich sinnvoll ist.
KI kann beispielsweise zeigen, welche Option effizienter, schneller oder kostengünstiger ist. Ob diese Option aber langfristig zur Organisation, ihren Mitarbeitenden und ihren Kunden passt, bleibt eine Führungsentscheidung.
Von AI Adoption zu echter AI Transformation
In meiner Arbeit mit Führungskräften und Unternehmen erlebe ich immer wieder, dass sehr unterschiedliche Formen des KI-Einsatzes unter dem Begriff „AI Adoption“ zusammengefasst werden.
Doch nicht jede Nutzung von KI bedeutet automatisch Transformation.
Es macht einen erheblichen Unterschied, ob Mitarbeitende mit einem AI Copilot täglich 30 Minuten Arbeitszeit sparen, ob komplette Prozesse rund um intelligente AI Agents neu aufgebaut werden oder ob ein Unternehmen grundsätzlich neue Produkte und Geschäftsmodelle entwickelt.
Ich unterscheide deshalb drei Ebenen:
Adoption: KI verbessert bestehende Aufgaben und Prozesse.
Evolution: Prozesse, Rollen und Workflows werden mithilfe von KI grundlegend weiterentwickelt.
Transformation: Unternehmen hinterfragen, welche neuen Geschäftsmodelle, Leistungen und Formen der Wertschöpfung durch KI überhaupt erst möglich werden.
Gerade die dritte Ebene verlangt mehr als technologische Kompetenz. Sie braucht Vorstellungskraft und den Mut, bestehende Annahmen infrage zu stellen.
Denn wer KI ausschließlich nutzt, um bestehende Prozesse effizienter zu machen, kann enorme Produktivitätsgewinne erzielen – und dennoch die viel größere strategische Chance verpassen.
KI kann bestehende Systeme optimieren. Wir müssen erkennen, wann ein neues System notwendig ist.
Künstliche Intelligenz ist hervorragend darin, innerhalb definierter Strukturen zu arbeiten. Sie kann analysieren, vergleichen, beschleunigen und optimieren.
Die wichtigere strategische Frage lautet jedoch häufig:
Ist die bestehende Struktur überhaupt noch die richtige?
Unternehmen brauchen klare Prozesse, Verantwortlichkeiten und Systeme, um leistungsfähig zu sein. Gleichzeitig müssen Führungskräfte erkennen, wann genau diese Strukturen Innovation verhindern.
Hier wird eine Form von Führung wichtig, die ich als ambidextrous leadership bezeichne: die Fähigkeit, zwischen konsequenter Umsetzung und offenem, kreativem Denken zu wechseln.
Im operativen Alltag zählen Fokus, Disziplin und Geschwindigkeit. Transformation verlangt dagegen Phasen, in denen wir bewusst Annahmen hinterfragen, neue Möglichkeiten erkunden und scheinbar feste Grenzen neu definieren.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, zu wissen, wann welche Denkweise erforderlich ist.
Transformation braucht Abstand vom Tagesgeschäft
Eine der größten Barrieren für echte KI-Transformation ist überraschend banal: der Arbeitsalltag.
Führungskräfte verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit Entscheidungen, Meetings, Problemen, Kennzahlen und kurzfristigen Anforderungen. Genau dieser operative Fokus ist notwendig, damit Organisationen funktionieren.
- Er lässt allerdings wenig Raum für grundlegende Fragen.
- Wie würde dieser Prozess aussehen, wenn wir ihn heute völlig neu entwickeln würden?
- Welche Aufgaben müssen Menschen künftig tatsächlich noch übernehmen?
- Welche neuen Kundenerlebnisse entstehen durch Agentic AI?
- Welche Geschäftsmodelle werden möglich, wenn Wissen und Analyse praktisch jederzeit verfügbar sind?
Solche Fragen lassen sich nur schwer zwischen zwei Meetings beantworten.
Aus meiner Erfahrung braucht AI Transformation deshalb bewusst geschaffene Räume für strategisches Denken, Diskussion und Neugestaltung. Leadership Offsites, Executive Retreats oder gezielt moderierte Strategieformate können Führungsteams dabei helfen, für kurze Zeit aus dem Tagesgeschäft herauszutreten.
Nicht um langsamer zu werden, sondern um anschließend gezielter zu beschleunigen.
Menschliche und künstliche Intelligenz sind nicht dasselbe
Bei der Diskussion über künstliche Intelligenz entsteht schnell das Bild eines Wettbewerbs: Menschen besitzen eine bestimmte Intelligenz, Maschinen entwickeln eine immer größere Intelligenz – und irgendwann überholen sie uns.
Ich halte dieses Bild zunehmend für zu einfach.
KI-Systeme lernen aus den Spuren, die Menschen hinterlassen haben: Texte, Bilder, Programmcode, wissenschaftliche Arbeiten, Mathematik, Geschichten, Diskussionen und riesige Datenmengen.
Menschen hingegen erleben die Welt unmittelbar.
Wir lernen durch Beziehungen, Erfahrungen, körperliche Wahrnehmung, Erfolge und Fehler. Wir erleben Konsequenzen und entwickeln daraus Kontext, Intuition und praktische Urteilskraft.
Das bedeutet nicht, dass Menschen grundsätzlich überlegen sind. Es bedeutet vielmehr, dass menschliche und maschinelle Intelligenz unterschiedlich funktionieren.
Und genau diese Unterschiede könnten künftig wichtiger werden.
Je intelligenter KI wird, desto wichtiger werden spezifisch menschliche Fähigkeiten
Wenn Analyse, Recherche und Optimierung immer leichter verfügbar werden, verschiebt sich der Wert von Führung.
Zunehmend entscheidend werden Fähigkeiten wie:
- Kontext und Zusammenhänge verstehen
- gute Fragen stellen
- Annahmen hinterfragen
- kreative Alternativen entwickeln
- widersprüchliche Interessen abwägen
- Vertrauen und Beziehungen aufbauen
- Sinn und Orientierung vermitteln
- Verantwortung für Entscheidungen übernehmen
Führungskräfte müssen deshalb nicht versuchen, mit KI bei Geschwindigkeit oder Informationsverarbeitung zu konkurrieren.
Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, menschliche und künstliche Intelligenz miteinander zu verbinden.
KI kann Möglichkeiten sichtbar machen. Wir müssen entscheiden, welche davon verfolgt werden.
KI kann Szenarien berechnen. Wir müssen Verantwortung für ihre Konsequenzen übernehmen.
KI kann bestehende Systeme optimieren. Wir müssen erkennen, wann es Zeit ist, ein besseres System zu entwickeln.
Nick Jankel über AI Leadership: Es braucht mehr als AI Literacy
Für mich steht fest: In den kommenden Jahren wird es nicht ausreichen, Führungskräften lediglich beizubringen, wie sie KI-Tools verwenden.
AI Leadership bedeutet, technologische Möglichkeiten mit strategischem Denken, Urteilsvermögen, Kreativität und Verantwortung zu verbinden.
Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz wird, desto wichtiger wird die Frage, welche Form von menschlicher Führung wir daneben entwickeln.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht mehr: Wie intelligent wird KI noch werden?
Sondern: Welche Führungskräfte brauchen Unternehmen in einer Welt, in der analytische Intelligenz günstig, überall verfügbar und nahezu unbegrenzt skalierbar ist?
Nick Jankel als AI Keynote Speaker & AI Transformation Facilitator buchen
Nick Jankel ist Cambridge-ausgebildeter Thought Leader, international gefragter Keynote Speaker und Berater für AI Transformation. Unternehmen wie Microsoft, AbbVie, LEGO und Unilever vertrauen auf seine Expertise.
Seine AI Keynotes und AI Leadership Programs verbinden künstliche Intelligenz mit Leadership, Transformation und menschlicher Kreativität. Nick Jankel unterstützt Führungskräfte und Teams dabei, über Buzzwords und kurzfristige Effizienzgewinne hinauszudenken und Unternehmen zu entwickeln, die das Potenzial menschlicher und künstlicher Intelligenz gezielt miteinander verbinden.
Buchen Sie Nick Jankel als Keynote Speaker: nick.jankel@premium-speakers.com oder +49 (0)60 327 859 393
