Natalie Amiri – Keynote beim True Story Award 2026 in Bern, Schweiz

07. Juni 2026 – Oliver Stoldt

Natalie Amiri war eingeladen, um beim True Story Award 2026 am Freitag, 06. Mai 2026 in Bern, die Keynote des Abends zu halten. Hier die Original Keynote von Natalie Amiri.

„Guten Abend.

Ich stehe heute Abend vor Ihnen -vor Journalistinnen und Journalisten aus 102 Nationen und denke: Was für eine geballte- positive- Macht. Und werde zuversichtlich. Das brauche ich. Zuversicht.

Gestern sah ich auf eine Weltkarte. Und ich sah rot. Wortwörtlich. Es war die Karte von Reporter ohne Grenzen. Die Rangliste der Pressefreiheit.

Dunkelrot: Sehr ernste Lage. Hellrot: Schwierige Lage. Nur noch in sieben Ländern sei die Lage „gut“ -doch dort lebt lediglich EIN Prozent der Weltbevölkerung.

Meine Keynote heute soll ungefähr zehn Minuten dauern. Mir würde wahrscheinlich die ganze Nacht nicht reichen, um zu sagen, was gesagt werden muss. Über völkerrechtswidrige Kriege, illegale Besatzungen, Desinformation und Propaganda, Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen. Die zehn Minuten würden nicht einmal reichen, um nur die Namen der vom iranischen Regime im Januar ermordeten Menschen aufzuzählen.

Ich bleibe beim Iran, denn zum Glück wurde ich gebeten den Fokus heute auf die Menschen im Iran zu legen. Was ich gerne tue, weil wir vor lauter Benzin- und Kerosin Preis Hysterie, und Aussagen eines irrgeleiteten Machthabers, der mit einer jahrtausendalten Zivilisation einfach nur respektlos, ja ordinär umgeht, viel zu wenig über die Menschen im Iran sprechen und über sie erfahren. Die zwischen amerikanischen und israelischen Raketen und islamistischem Unterdrückungsapparat zerrieben wurden.

Ich habe neun Jahre im Iran als Journalistin gearbeitet. Ich hatte zwei Pässe, einen iranischen, einen deutschen. Und trotzdem: Ich wurde eingeschüchtert, beschattet, sie versuchten mich mundtot zu machen. Sie können sich vorstellen, wie es den Iranerinnen und Iranern geht, die keinen Backup haben, keinen zweiten Pass. Die, die in diesem Land Freiwild sind.

Eigentlich sind das alle, die nicht zum Regime gehören. Nicht zu ihrem Khodi Kreis. Khodi heißt auf Persisch, die, die zu uns gehören, „gheire khodi“ heißt, die, die nicht zu uns gehören.

Die, die nicht zu ihnen gehören, machen den Großteil der Bevölkerung im Iran aus. Aber sie haben weder Macht noch Waffen noch eine Stimme.

Nie war glaubwürdiger, gut recherchierter Journalismus aus dem Iran wichtiger als heute. Und nie war es schwieriger ein wirklich repräsentatives Bild aus dem Land zu bekommen.

Die Islamische Republik Iran befindet sich auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 177 von 180 Ländern.

Ich konnte gestern mit einer Journalistin im Iran Kontakt aufnehmen, die gerade vor Gericht steht, im schlimmsten Fall droht ihr die Todesstrafe. Sie sagte mir: „Als Journalistin in Iran lebt man mit dem Wissen, dass jedes Wort Konsequenzen haben kann. Ein Bericht über Verhaftete, nur EIN Satz des Mitgefühls für einen Hingerichteten oder ein kritischer Kommentar, können ausreichen, um vor Gericht zu landen. Besonders bitter ist die Willkür: Internationale Fernsehteams dürfen durch Teheran laufen und Frauen ohne Hijab filmen. Bilder, die der Welt Offenheit und Freiheiten suggerieren sollen, die die Iranerinnen selbst nicht genießen. Während diese Aufnahmen erwünscht sind, werden iranische Journalistinnen wegen eigener Fotos ohne Hijab vorgeladen, verhört und angeklagt. Wer über festgenommene Sportler berichtet, findet sich plötzlich selbst in einer Ermittlungsakte wieder. Wer die Namen von Getöteten nennt oder über Proteste schreibt, riskiert Verfahren wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit“. Journalismus bedeutet bei uns im Iran oft nicht, die nächste Geschichte zu suchen – sondern trotz Angst, Druck und Drohungen weiter die Wirklichkeit der Menschen festzuhalten, deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollen.“

Sie hat Recht. Das Regime hat alles dafür getan, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Dass die Stimme der Bevölkerung nicht die Grenzen des Landes überschreitet. Alles. Denn das Regime schaltete einfach das Internet aus. Es wurde schwarz. Und immer, wenn das Regime das Internet ausschaltet, denke ich, aus Erfahrung: Jetzt beginnen sie zu morden.

Und es passierte. Die schlimmsten Massaker in der neueren Geschichte, die an einer Bevölkerung verrichtet wurden, begannen. Ausgeübt durch das Staatsregime der Islamischen Republik Iran. Innerhalb von 48 Stunden wurden Zehntausende auf der Straße regelrecht hingerichtet. Die Protestierenden waren auf die Straße gekommen für ein würdigeres Leben, gegen die Korruption der Machtelite, für Freiheit.

Seit dem 8. Januar sah ich Videos, in denen Mütter so bitterlich weinen, dass mir oft selbst die Tränen gelaufen sind, dass ich irgendwann dachte, ich könnte nicht mehr weinen. Doch dann begannen die Trauerfeiern und die Trauernden begannen auf den Gräbern ihrer Töchter und Söhne zu tanzen. Nicht weil sie feierten, sie starben schier vor Schmerz, doch sie wollten der kranken Ideologie des Regimes mit ihren Märtyrern und den ritualisierten Trauerzeremonien trotzen. Ein ganzes Land befand sich im Trauma. Und nicht genug.

Denn dann begann der Krieg – und wieder wurde es stockdunkel im Iran.

Es ist die Aufgabe von uns Journalisten der Propaganda solcher Regime entgegenzuwirken. Das iranische Regime will folgendes Bild verkaufen: Die Protestierenden waren Agenten des Auslands, Störenfriede, die nun für die Einheit und Sicherheit des Landes beseitigt wurden. Sie propagieren eine streng religiöse, ideologisch treue Bevölkerung, hinter dem System stehend.

Was ich erlebt habe, war das genaue Gegenteil: Eine säkulare, hochgebildete, politisch emanzipierte Gesellschaft. Menschen, die ganz genau wissen, was sie wollen.

Neben dem Krieg, der am 28.Februar begann, läuft ein Informationskrieg, der eine neue Dimension erreicht hat. Nie wurde bisher in einem Krieg so viel KI eingesetzt. Manipulierte Bilder, Deepfakes, KI-generierte Videos, Gerüchte. Für Konsumenten wird es täglich schwieriger, zwischen authentischem Material und künstlich erzeugten Inhalten zu unterscheiden.

Das Regime im Iran hat – für den Moment zumindest – den Propagandakrieg gewonnen. Meinungsmacher im Westen schreiben der iranischen Führung mehr intellektuelle Kompetenz zu, als sie hat.

Das ist bitter, vor allem für Journalistinnen und Journalisten vor Ort, die unter Einsatz ihres Lebens alles dafür tun, das wahre Bild dieses Landes zu zeigen.

Ich lebe in Deutschland. Ich berichte für Deutschland. Und manchmal, wenn ich die Debatten verfolge, die Klagen, das Jammern, die Müdigkeit, den Zynismus – dann denke ich: Ich möchte wirklich nicht urteilen. Ich verstehe die Erschöpfung. Aber manchmal würde es schon helfen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Und dadurch zu spüren und zu schätzen, was es bedeutet, in einer Demokratie zu leben. Was es bedeutet, als Journalistin, als Bürger, vom Staat geschützt zu werden, und nicht verfolgt.

Wir haben in Deutschland das Informationsauskunftsgesetz. Ich habe das Recht auf Information. Jedes Ministerium, jedes Amt, muss mir Auskunft geben. Jedes Mal, nach den vielen Jahren im Iran, wenn ich die Information bekam, dachte ich: Ist das wirklich wahr? Ich feiere es jedes Mal, weil ich weiß, wie es ist, wenn es nicht so ist.

Viele von Ihnen werden das kennen.

Wir werden heute von 36 nominierten Geschichten hören. Von Reporterinnen und Reportern, die für Wahrheit rausgegangen sind. Manchmal unter Lebensgefahr, manchmal unter enormem Druck, fast immer unter extremer Erschöpfung.

Ich kenne dieses Gefühl: Den Moment, in dem man zurückkommt von einer Recherche. In dem man sich fragt, ob es jemanden interessiert. Ob die Geschichte irgendwas verändern wird. Ob der Aufwand es wert war. Ob es verstanden wird und ankommt.

Es kommt an.

Nicht jede Geschichte wird sofort etwas verändern. Doch Journalismus ist das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft. Weil ohne unsere Arbeit das, was in den Gefängnissen des Iran passiert, in den Lagern der Uiguren, in den Trümmern von Gaza und dem besetzten Westjordanland, die Gräueltaten von islamistischen Terroristen unsichtbar bleibt. Nicht existiert. Vergessen wird.

Wir sind die Zeugen. Das ist keine Heldenpose. Das ist eine Verantwortung.

Die britisch türkische Autorin Elif Shafak sagte neulich: „Wir leben im Zeitalter von Angst, Aggression und Algorithmen. Doch was unsere Gesellschaft wirklich lähmen könnte, ist das vierte A: Apathie, wenn Menschen abstumpfen, wegsehen und aufhören, sich füreinander zu interessieren.“

Sie sind diejenigen, die dafür sorgen, dass der Einzelne sich nicht in die Apathie flüchten kann.

Die größte Gefahr neben der Apathie, die ich kenne, nicht für Journalisten in Diktaturen, sondern für uns hier in sicheren Demokratien, ist der Zynismus. Dieser leise, schleichende Zynismus, der sagt: Es ändert sich sowieso nichts. Wozu noch versuchen?

Ich möchte eine junge Frau erwähnen, die in einem iranischen Gefängnis gefoltert wurde und die zu mir sagte, nachdem sie fliehen konnte: „Wenn ihr wegseht, bringen sie uns alle um.“ Sie hier heute im Saal sehen sicher nicht weg.

Danke, dass Sie diese Arbeit tun. Und Herzlichen Glückwunsch an alle Nominierten.“

Natalie Amiri, Journalistin, Moderatorin des ARD-Weltspiegels, Bestseller-Autorin und eine wichtige Stimme für die Menschen im Iran und Nahen Osten. Natalie Amiri für Keynotes und Panel-Diskussionen bei PREMIUM SPEAKERS buchen.

Natalie Amiri

Journalistin, ARD-Moderatorin "Weltspiegel" & Buchautorin