Ben Aldridge – Stoische Resilienz im Zeitalter der KI

23. Oktober 2026 – Premium Speakers

Gastbeitrag von Ben Aldridge:

Eine Frage, die derzeit in vielen Gesprächen auftaucht, lautet: „Wird es meinen Job in fünf Jahren überhaupt noch geben?“

Ich fürchte, darauf habe auch ich keine Antwort. Was mich jedoch interessiert, ist das Gefühl hinter dieser Frage. Es ist weniger die Angst vor Technologie als vielmehr eine Art Schwindelgefühl. Der Boden, auf dem Menschen ihre Karrieren aufgebaut haben, bewegt sich – und gleichzeitig wird von allen erwartet, einfach normal weiterzumachen.

Marcus Aurelius, der stoische römische Kaiser, hätte dieses Gefühl vermutlich gut gekannt. Gut, vielleicht nicht den Teil mit der KI. Aber den mit der Unsicherheit auf jeden Fall.

Stoische Resilienz – Ständiger Wandel im antiken Rom

Marcus Aurelius führte ein Reich, das sich unter seinen Füssen permanent veränderte. Eine Seuche breitete sich aus dem Osten aus, im Norden herrschte Krieg und ein vertrauter General wandte sich gegen ihn. Während seiner gesamten Regierungszeit musste er mit Ereignissen umgehen, die er weder gewählt hatte noch rückgängig machen konnte.

Seine Haltung dazu zieht sich durch die gesamten Meditationen – sein privates Tagebuch, das nach seinem Tod veröffentlicht wurde und heute zu den wichtigsten Texten des Stoizismus zählt.

Veränderung ist das, was die Welt tut. Nichts behält dauerhaft seine Form. Und jede Veränderung als persönlichen Angriff zu betrachten, ist eine Strategie, die nicht funktionieren kann. Denn damit kämpfen wir letztlich gegen eine grundlegende Tatsache des Lebens.

Das klingt zunächst düster. Aber es wird hilfreich, sobald wir diese Idee praktisch anwenden.

Ein grosser Teil der Erschöpfung rund um KI entsteht nicht durch die Veränderung selbst, sondern durch unseren inneren Widerstand dagegen. Wir verwenden enorme Mengen an Energie auf die Frage, ob diese Entwicklung überhaupt stattfinden sollte. Genau diese Energie fehlt uns dann, wenn es darum geht herauszufinden, wie wir mit ihr umgehen können.

Tipp 1: Beobachten wir, wann unsere Energie in den Widerstand gegen eine Veränderung fliesst, statt in die Anpassung daran. Dann bewusst den Fokus wechseln und in den Anpassungsmodus gehen.

Die Geschichte verändern, die wir uns selbst erzählen

Epiktet lehrte, dass uns weniger die Ereignisse selbst beunruhigen als vielmehr unsere Urteile über sie.

Das Ereignis lautet zum Beispiel: Ein neues Tool übernimmt heute einen Teil dessen, was wir früher selbst gemacht haben.

Die Geschichte oder Bewertung dazu lautet dann vielleicht: Dadurch werden wir überflüssig. Wir sind zu alt, um noch einmal etwas Neues zu lernen. Alle anderen kommen damit besser zurecht als wir.

Das Ereignis selbst ist meist handhabbar. Die Geschichte, die wir daraus machen, ist dagegen oft das, was uns nachts um drei Uhr wach hält.

Probieren wir es auf Papier aus: Schreiben wir in einfachen, sachlichen Worten auf, was sich im vergangenen Jahr an unserem Job tatsächlich verändert hat. Danach schreiben wir auf, was wir uns selbst darüber erzählen.

Beides stimmt erstaunlich selten vollständig überein. Und genau in der Lücke zwischen den Fakten und unserer Interpretation steckt ein grosser Teil unserer Angst.

Tipp 2: Die Fakten der Veränderung in eine Spalte schreiben und unsere persönliche Geschichte dazu in eine zweite. Dann zunächst nur mit der ersten Spalte arbeiten.

Übe, wieder Anfänger zu sein

Hier kommt meine eigene Arbeit ins Spiel.

Ich habe über Jahre hinweg bewusst Dinge getan, die unangenehm oder unbequem waren. Schwimmen im kalten Wasser, lange Spaziergänge bei schlechtem Wetter oder das Erlernen von Fähigkeiten, für die ich ganz offensichtlich kein besonderes Talent hatte.

Die alten Griechen nannten diese Art des Trainings Askesis.

Dieses Training hat mein Verhältnis dazu, in etwas schlecht zu sein, grundlegend verändert.

Wenn wir lange Zeit keine Anfänger mehr waren, kann die Vorstellung, eine völlig neue Art zu arbeiten zu erlernen, tatsächlich beängstigend sein. Wenn wir uns dagegen regelmässig und freiwillig in Situationen bringen, in denen wir wieder Anfänger sind, fühlt sich Lernen normaler an.

Das ist vielleicht die praktischste Vorbereitung auf KI, die uns der Stoizismus bieten kann.

Such dir etwas aus, das dir fremd ist, und lerne es regelmässig. Welche konkrete Fähigkeit es ist, spielt fast keine Rolle. Was wir dabei wirklich trainieren, ist unsere Fähigkeit, Nichtwissen auszuhalten.

Und genau das wird das kommende Jahrzehnt von uns verlangen.

Tipp 3: Eine Sache auswählen, die uns fremd ist, und sie ganz bewusst jede Woche üben.

Rechne damit, dass sich alles wieder verändern wird

Die Version unseres Berufs, von der wir uns heute vielleicht verabschieden müssen, hat selbst einmal etwas anderes ersetzt.

Marcus Aurelius erinnerte sich immer wieder daran, dass alles, was heute existiert, bereits auf dem Weg ist, sich in etwas Neues zu verwandeln – ihn selbst eingeschlossen.

Wir werden uns an KI anpassen. Und danach wird etwas Neues kommen.

Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang auch, die Hoffnung aufzugeben, irgendwann einen endgültigen Zustand zu erreichen, in dem alles wieder stabil ist und nichts Neues mehr von uns verlangt wird.

Tipp 4: Nicht darauf warten, dass sich alles wieder beruhigt. Stattdessen bereits mit der nächsten Veränderung rechnen, die auf diese folgen wird.

Der Boden hat sich schon immer bewegt. Wir bemerken es heute nur stärker, weil er sich so schnell bewegt.

Ben Aldridge ist Bestsellerautor und international gefragter Keynote Speaker. Seine Bücher wurden in elf Sprachen übersetzt. Er spricht über Resilienz, praktische Philosophie und mentale Gesundheit und stand bereits für Organisationen und Unternehmen wie Microsoft, den NHS, Heathrow, Salesforce und Capital One auf der Bühne.

Ben Aldridge für einen Vortrag buchen: 1 (704) 804 1054 oder ben.aldridge@premium-speakers.com

Ben Aldridge

Keynote Speaker zu Resilienz in Zeiten des Wandels, mentale Gesundheit & Philosophie