Ben Aldridge – Wie baut man Resilienz auf: Vier Ideen aus der antiken Philosophie, die bis heute funktionieren

23. September 2026 – Premium Speakers

Gastbeitrag von Ben Aldridge:

Es gab eine Phase Ende meiner Zwanziger, in der ich ohne Zweifel der am wenigsten resiliente Mensch war, den ich kannte. Angst bestimmte mein Leben, und ich vermied alles, was schiefgehen könnte. Im Grunde führte das dazu, dass ich fast alles vermied – und meine Welt immer kleiner wurde.

Was mich schliesslich aus dieser Situation herausbrachte, war weder ein grosser Durchbruch noch ein Rückzug in die Berge. Es waren vielmehr ein Stapel sehr alter Bücher und eine Reihe leicht absurder persönlicher Herausforderungen. Angefangen hat alles mit kalten Duschen. Von dort aus entwickelte sich das Ganze in eine ziemlich ungewöhnliche Richtung.

Resilienz ist inzwischen zu einem dieser Begriffe geworden, die häufig verwendet werden, ohne dass sie wirklich im Alltag gelebt werden. Die antiken Philosophen betrachteten Resilienz dagegen als etwas, das sich gezielt entwickeln lässt. Für sie war sie eine Fähigkeit – etwas, das man trainiert, so wie man Tonleitern auf einer Gitarre übt. Sie hatten sogar ein eigenes Wort für dieses Training: Askesis.

Diese Askesis hat mir geholfen, mein Leben wieder aufzubauen. Sie gab mir einen Weg, nach meiner Angstphase wieder Stabilität zu gewinnen. Vieles von dem, was ich dabei gelernt habe, stammt von einigen wenigen antiken griechischen Denkern, die sich mit diesen Fragen bereits lange vor meiner Zeit beschäftigt hatten. Ihre Ideen bilden heute die Grundlage dafür, wie ich Resilienz trainiere.

Vier Ideen aus der antiken Philosophie zum Aufbau von Resilienz

Hier sind vier Gedanken aus dieser Tradition, die mir während meiner eigenen Entwicklung besonders geholfen haben. Und da sie rund zweieinhalbtausend Jahre alt sind, kann man wohl sagen, dass sie sich bewährt haben.

1. Finde heraus, was du wirklich kontrollieren kannst

Epiktet wurde als Sklave geboren und widmete sein Leben einer zentralen Idee: Manche Dinge liegen in unserer Hand – die meisten jedoch nicht.

Unsere Bewertungen, unser Einsatz und unsere Reaktionen gehören zur ersten Kategorie. Die Meinung anderer Menschen, das Wetter, eine Unternehmensrestrukturierung oder der Verkehr gehören eindeutig zur zweiten.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Doch wer einmal ehrlich betrachtet, worüber er sich innerhalb einer Woche Sorgen macht, stellt schnell fest: Den grössten Teil unserer Energie verwenden wir auf Dinge aus der zweiten Kategorie – und wundern uns dann, warum wir uns ausgelaugt fühlen.

Probier es wirklich aus. Nimm etwas, das dich gerade beschäftigt, und teile es in zwei Listen auf: Dinge, die du beeinflussen kannst, und Dinge, die du nicht beeinflussen kannst.

Dann handle bei den Punkten auf der ersten Liste und übe dich darin, die zweite loszulassen.

Perfekt wird dir das nicht gelingen. Das gelingt niemandem. Aber bereits das bewusste Sortieren kann für erhebliche Erleichterung sorgen.

2. Probe den schwierigen Tag, bevor er eintritt

Die Stoiker kannten eine Übung namens premeditatio malorum. Frei übersetzt bedeutet das so viel wie „das Unglück im Voraus bedenken“. Das klingt deutlich düsterer, als es tatsächlich ist.

Seneca empfahl, sich einige Minuten lang vorzustellen, was schiefgehen könnte. Nicht, um sich in Katastrophenszenarien hineinzusteigern, sondern um ihnen bereits im Vorfeld einen Teil ihres Schreckens zu nehmen.

Die Präsentation läuft schlecht. Der Kunde sagt Nein. Der Zug fällt aus.

Beschäftige dich jeweils dreissig Sekunden mit einem solchen Szenario und frage dich: Was würde ich konkret tun?

Viele Menschen sind überrascht, wie beruhigend diese Übung wirkt. Angst lebt von Unklarheit. Sobald man einer Befürchtung eine konkrete Form und einen Plan gibt, verliert sie an Macht.

Ich mache das noch heute vor jeder Keynote. Die Zahl der Katastrophen, die ich gedanklich bereits durchgespielt habe und die nie eingetreten sind, ist enorm. Und die wenigen, die tatsächlich passiert sind, fühlten sich erstaunlich vertraut an, als sie eintraten.

3. Suche bewusst das Unbequeme

Auf dieser Idee basiert heute ein grosser Teil meiner Arbeit.

Die Kyniker – allen voran Diogenes – waren überzeugt, dass zu viel Komfort Menschen weich und ängstlich macht. Ihre Antwort darauf war, bewusst kleine Schwierigkeiten und Entbehrungen aufzusuchen. So wollten sie vorbereitet sein, wenn echte Herausforderungen auftreten.

Unser modernes Leben ist hervorragend darin geworden, Reibung zu beseitigen. Alles wird geliefert, alles ist jederzeit verfügbar, alles funktioniert mit einem Fingertipp.

Der unbeabsichtigte Preis dafür ist, dass unsere Toleranz gegenüber Schwierigkeiten langsam abnimmt.

Freiwilliges Unbehagen bringt einen Teil dieser Reibung zurück – allerdings zu unseren eigenen Bedingungen.

Fang bewusst klein an. Beende deine Dusche kalt. Geh spazieren, ohne Kopfhörer zu tragen. Verzichte auf das, wonach du normalerweise greifst, sobald dir langweilig wird.

Es geht dabei nicht um das kalte Wasser, die Stille oder den Verzicht an sich. Es geht darum, dir selbst zu beweisen, dass du etwas Unangenehmes tun kannst und danach immer noch völlig in Ordnung bist.

Wenn du das oft genug machst, verändert sich nach und nach deine Vorstellung davon, was du aushalten und bewältigen kannst.

4. Halte das Training klein und unspektakulär

Marcus Aurelius war als römischer Kaiser wahrscheinlich einer der mächtigsten Männer der westlichen Welt.

Interessanterweise verbrachte er seine Abende damit, sich selbst Notizen darüber zu schreiben, wie er weniger gereizt sein könnte.

Aus diesen Notizen entstanden später die Meditationen, eines der bekanntesten Werke des Stoizismus. Sie sind voller Wiederholungen, gelegentlich etwas mürrisch und gerade deshalb wunderbar menschlich.

Genau so sieht echtes Resilienztraining aus.

Es ist nicht spektakulär. Es sind ein paar Minuten Reflexion. Eine etwas schwierigere Entscheidung, als unbedingt nötig gewesen wäre. Ein unangenehmes Gespräch, das du tatsächlich führst, statt ihm auszuweichen.

Und das immer wieder – über Jahre hinweg.

Die Menschen, die ich treffe und die besonders gut mit Druck umgehen können, verfügen fast nie über das beeindruckendste Arsenal an Bewältigungsstrategien. Es sind vielmehr diejenigen, die die unspektakuläre Variante über lange Zeit hinweg konsequent geübt haben.

Wo anfangen?

Such dir eine der vier Ideen aus und probiere sie zwei Wochen lang aus. Beobachte, was sich verändert.

Resilienz ist nichts, was man entweder besitzt oder nicht besitzt und bei der Geburt ähnlich wie die Augenfarbe mitbekommt.

Resilienz lässt sich trainieren.

Und dieses Training steht jedem offen, der Zugang zu einem kalten Wasserhahn und fünf freien Minuten hat.

Ben Aldridge ist Bestsellerautor und international gefragter Keynote Speaker. Seine Bücher wurden in elf Sprachen übersetzt. Er spricht über Resilienz, praktische Philosophie und mentale Gesundheit und stand bereits für Organisationen und Unternehmen wie Microsoft, den NHS, Heathrow, Salesforce und Capital One auf der Bühne..

Ben Aldridge für einen Vortrag buchen: +1 (704) 804 1054 oder ben.aldridge@premium-speakers.com

Ben Aldridge

Keynote Speaker zu Resilienz in Zeiten des Wandels, mentale Gesundheit & Philosophie