Thilo Stadelmann – Wie können wir KI richtig einsetzen?
Wie kann man KI nutzen, ohne sich selbst zu verlieren?
KI kann Unternehmen, Schulen und Gemeinden voranbringen, aber nur, wenn der Mensch am Steuer bleibt. Thilo Stadelmann zeigt in seinem Vortrag an konkreten Beispielen, wie das gelingt.
Kurz gesagt:
- Im Unternehmen hilft KI am meisten, wenn man das passende Werkzeug wählt und es sicher einsetzt.
- Wer das Denken und Schreiben an KI abgibt, lernt nichts und verliert Urteilskraft.
- Gemeinschaft lässt sich nicht digitalisieren. KI kann Gemeinden aber bei Nebenaufgaben entlasten.
Nachdem Thilo Stadelmann, Professor für Künstliche Intelligenz an der ZHAW, erklärt hat, was KI ist, geht es in den weiteren Vorträgen seiner Reihe um die Praxis. Er beginnt mit zwei Filmszenen. In «Wall-E» werden die Menschen von Robotern so umsorgt, dass sie bequem und unselbständig auf fliegenden Sesseln durchs Leben schweben. In «Star Trek IV» nutzt Schiffsingenieur Scotty dagegen einen Computer, um seine Fähigkeiten zu steigern und etwas Neues zu erschaffen. Welchen Weg wir gehen, hänge davon ab, wie wir KI einsetzen.
Wie Unternehmen KI nutzen können
Wer KI im Betrieb einsetzen will, sollte laut Stadelmann zuerst die ganze Breite sehen. ChatGPT und ähnliche Chatbots und agentische Systeme seien nur ein Teil davon. Aber nur ein spezialisiertes System wie AlphaFold sagt vorher, wie sich Eiweisse im Raum falten, und beschleunigt so die Entwicklung von Medikamenten. Kameras mit Bilderkennung prüfen die Qualität in der Produktion. Roboter werden dank KI selbständiger. Und im Basketball werteten Trainer Spieldaten aus, fanden heraus, dass Dunks und Dreier am meisten Punkte bringen, und liessen ihre Teams fast nur noch so spielen. Gemeinsam ist all diesen Systemen, dass sie etwas vorhersagen. Stadelmann nennt KI deshalb eine Vorhersagetechnologie. Ein Alleskönner ist keines davon. Chatbots sind laut Stadelmann vor allem auf Messbares getrimmt (sogenannte Benchmarks, also öffentliche Tests) und bei firmeninternen Abläufen oft schwächer.
Im Büroalltag kann ein Chatbot zum Berater im Hintergrund werden. Stadelmanns Beispiel ist ein Apotheker, der dem System einmal eine Grundanweisung (den «System-Prompt») gibt: knapp antworten, übersichtlich, mit Quellen. Im Kundengespräch tippt er dann nur noch die Eckdaten ein und liest die kurze Antwort. Wichtig sei dabei der Datenschutz. Wer nicht für ein Produkt bezahle, bezahle mit seinen Daten, deshalb gehörten Geschäftsdaten nie in kostenlose Konten. Gegen falsche Antworten, sogenannte Halluzinationen, helfen zwei Verfahren. Beim ersten sucht das System zuerst in den eigenen Dokumenten und darf nur daraus antworten, mit Quellenangabe (Retrieval-Augmented Generation, kurz RAG). Beim zweiten, den sogenannten KI-Agenten oder Reasoning-Modellen, prüft und überarbeitet es seine Antwort mehrmals selbst, bevor es sie ausgibt. Fehler bleiben trotzdem möglich. Deshalb sollten nur Fachleute damit arbeiten, die das Ergebnis beurteilen können.
Reicht ein Standardprodukt nicht aus, braucht es eine Eigenentwicklung. Als Beispiel nennt Stadelmann ein Projekt zur Auswertung von Echokardiogrammen. Ein kleines Team entwickelte in rund zwei Jahren ein zugelassenes Medizinprodukt. Es arbeitet in nachvollziehbaren Einzelschritten, so wie es auch Ärztinnen und Ärzte tun. Ein Bild einfach in einen Chatbot zu laden, hält er nach eigenen Messungen für unverantwortlich.
Für Führungspersonen empfiehlt er drei Schritte:
- Einen geschützten Testraum («Sandbox») bereitstellen, in dem Mitarbeitende KI sicher ausprobieren dürfen.
- Gezielte Pilotprojekte starten, denn auch die Konkurrenz kann von KI profitieren.
- Die Belegschaft früh einbeziehen. Ein bis zwei Stunden Schulung nehmen Ängste um den Arbeitsplatz und versetzen in die Lage, selber aktiv zu werden.
Für Anfragen an externe Partner genügt eine Seite mit dem Geschäftsziel, den Erwartungen an KI, den vorhandenen Daten sowie Zeit und Budget. Und es sei völlig in Ordnung zu entscheiden, wofür man KI nicht einsetzt.
Mehr dazu im Video: Wie können wir KI richtig einsetzen? Künstliche Intelligenz im Business (Einführung 2/4)
Den Menschen am Steuer lassen
KI sollte unser Denken unterstützen und nicht ersetzen, betont Stadelmann. Chatbots wirken freundlich, schmeicheln und widersprechen nie. Das könne auf Dauer etwas im Menschen verschieben. Deshalb müssten Systeme «pro-human» gestaltet werden. Sein Beispiel stammt aus der Psychiatrie: Ein System, das Gespräche mithört und den ganzen Bericht schreibt, nahm manchen Ärzten das Nachdenken über das Gespräch und damit das Gefühl, selbst wirksam zu sein. Die Lösung seines Teams zusammen mit der Firma AlpineAI: Das System füllt nur die beschreibenden Teile vor. Bei Wahrnehmung und Diagnose bleibt das Feld leer, die Ärztin oder der Arzt beginnt zu schreiben, und das System vervollständigt. Das erste Feedback sei positiv, eine wissenschaftliche Studie stehe noch aus.
Lernen braucht Mühe
In der Bildung bringt Stadelmann es mit folgendem Bild auf den Punkt: Einen Privatkoch anzustellen, kann sinnvoll sein. Ihn anzustellen, damit er für einen isst, ist sinnlos, denn man bekommt keine Nährstoffe. Übungsaufgaben seien die Nährstoffe, KI der Koch. Denken lerne man, indem man Gedanken selbst ausformuliert. Urteilsvermögen, Geschmack und Handlungsfähigkeit entstünden nur durch Üben.
Eine von ihm vorgestellte Studie unter chinesischen Schülerinnen und Schülern zeige: Mit KI fallen die Hausaufgaben besser aus und erledigen sich schneller, in der Prüfung ohne KI schneiden dieselben Schüler schlechter ab. Als Lerncoach, der Fragen stellt statt Lösungen zu liefern, wäre KI sehr wertvoll. Laut Stadelmann nutzen sie die meisten aber anders und lassen sich die Lösung vorsagen.
KI verstärke das, was schon in uns steckt: Je besser die eigenen Gedanken, desto besser der Prompt (die Eingabe) und damit das Ergebnis. Er rät deshalb zu einem kleinen «Qualitätsfaktor»: die eigenen Gedanken mit KI etwa nur zu vervierfachen und nicht zu verhundertfachen. Zudem sei KI eine Versuchung, die man managen müsse, etwa durch begrenzte Nutzungszeiten, Austausch mit Anderen und bewusste Pausen. Für Schulen und Hochschulen plädiert er für Prüfungen mit Stift und Papier, für persönliche Begleitung durch erfahrene Tutoren, wie es Oxford und Cambridge kennen, und für mehr Charakterbildung.
Mehr dazu im Video: Wie können wir in Zukunft lernen? Künstliche Intelligenz in der Bildung (Einführung 3/4)
KI im Gemeindealltag
Der Kernauftrag von Kirchen und Gemeinden liege in der Gemeinschaft, unter den Menschen und mit Gott, und die lasse sich nicht digitalisieren. KI könne aber entlasten: bei Übersetzungen, Gemeindebriefen und Protokollen oder bei Kurzvideos aus Predigten für Jugendliche, die viel Zeit am Smartphone verbringen. Auch für die Bibelarbeit seien Systeme brauchbar, die auf geprüften Bibelkommentaren aufbauen, etwa die Plattform Nikodemus AI des ERF, solange man die Ergebnisse prüft, so wie man auch einem Pastor nicht blind folgt. Hilfreich sei es, dem System mitzugeben, aus welcher Richtung man eine Antwort erwartet. Zugleich gelte: Diese Systeme wollen gefallen. Sie sind kein bester Freund, der einen auch mal kritisiert.
Mehr dazu im Video: Gehen Glaube und KI zusammen? Künstliche Intelligenz und Gemeinde (Einführung 4/4)
Thilos Stadelmanns Schlusswort richtet sich nach aussen: Die Welt brauche Menschen mit Hoffnung, Werten und Vision, die Technologie mitgestalten, statt sie anderen zu überlassen.
Thilo Stadelmann als Redner buchen: +1 (704) 804 1054 oder thilo.stadelmann@premium-speakers.com
